Diese jungen Frauen leisten in ihrer Gemeinde Aufklärungsarbeit über die Folgen weiblicher Genitalverstümmelung.
Diese jungen Frauen leisten in ihrer Gemeinde Aufklärungsarbeit über die Folgen weiblicher Genitalverstümmelung.
© Bryna Hallam/IRIN

Weibliche Genitalverstümmelung

"Beschneidung" ist bei uns vor allem als kleine Operation bei Jungen oder Männern bekannt. Insbesondere in jüdischen und muslimischen Familien wird den Jungen aus religiösen oder kulturellen Gründen die Vorhaut am Penis entfernt. Manchmal ist das auch aus medizinischen Gründen erforderlich. Wenn der Eingriff fachmännisch und unter einwandfreien hygienischen Bedingungen erfolgt, ist er sehr unkompliziert und hat in der Regel keine negativen Folgen.

In etwa 30 Ländern in Afrika, dem Nahen Osten und Asien werden jedoch auch Mädchen und junge Frauen beschnitten. Dabei werden – ohne jegliche medizinische Notwendigkeit – die äußeren weiblichen Genitalien (große und kleine Schamlippen, Klitoris) teilweise oder sogar ganz entfernt. Ein solcher Eingriff hinterlässt schwere körperliche und seelische Schäden. Man spricht daher von "weiblicher Genitalverstümmelung". Die englische Übersetzung dieses Begriffs lautet "Female Genital Mutilation", international wird oft die Abkürzung FGM benutzt.

Schild gegen weibliche Genitalverstümmelung in Benin
Schild gegen weibliche Genitalverstümmelung in Benin
© Thomas Koehler/photothek.net

Schwere Menschenrechtsverletzung

Weibliche Genitalverstümmelung verletzt grundlegende ​Menschenrechte wie das Recht auf Gesundheit, das Recht auf körperliche Unversehrtheit und das Kinderrecht auf Schutz vor Misshandlung.

Die Genitalverstümmelung erfolgt meistens bei Mädchen im Alter zwischen 4 und 14 Jahren. Häufig nehmen traditionelle Beschneiderinnen den Eingriff vor – ohne Narkose, unter unhygienischen Bedingungen und oft mit stumpfen, unsterilen Instrumenten. Immer wieder sterben Mädchen an den unmittelbaren Folgen des Eingriffs – sie verbluten oder erleiden eine tödlich verlaufende Infektion mit Bakterien.

Eine Genitalverstümmelung kann nicht rückgängig gemacht werden. Die Frauen leiden oft lebenslang an schweren gesundheitlichen und seelischen Folgen. Dazu zählen zum Beispiel dauerhafte starke Schmerzen, Probleme beim Wasserlassen und während der Menstruation, Beeinträchtigungen beim Geschlechtsverkehr und lebensbedrohliche Komplikationen bei der Geburt.

Die Erinnerung an die furchtbare Erfahrung des Eingriffs kann auch zu Depressionen und Angststörungen führen.

Millionen Mädchen und Frauen betroffen

Gemeinsam mit der Aktivistin Rakieta Poyga aus Burkina Faso demonstrierten Mitglieder der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes am 23. November 2017 vor dem Brandenburger Tor gegen weibliche Genitalverstümmelung.
Gemeinsam mit der Aktivistin Rakieta Poyga aus Burkina Faso demonstrierten Mitglieder der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes am 23. November 2017 vor dem Brandenburger Tor gegen weibliche Genitalverstümmelung.
© Martin Funck

Es wird geschätzt, dass weltweit mehr als 200 Millionen Frauen und Mädchen von Genitalverstümmelung betroffen sind. Und jeden Tag geraten weitere 8.000 Mädchen in die Gefahr beschnitten zu werden, weil sie das entsprechende Alter erreichen – das sind rund drei Millionen pro Jahr.

In Deutschland ist die weibliche Genitalverstümmelung verboten. Aber auch hier leben Opfer dieser grausamen Praktik: Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes geht davon aus, dass etwa 58.000 hier lebende Einwanderinnen als Mädchen beschnitten wurden. Und mindestens 13.000 Mädchen, zumeist afrikanischer Herkunft, gelten hierzulande als gefährdet, weil eine Verstümmelung bei ihnen geplant sein könnte.

Junge Mädchen im Nordosten Kenias sind von weiblicher Genitalverstümmelung bedroht.
Junge Mädchen im Nordosten Kenias sind von weiblicher Genitalverstümmelung bedroht.
© Ann Weru/IRIN

Gründe für Genitalverstümmelung

Es ist extrem schwer zu verstehen, warum Mädchen beschnitten werden, obwohl ihre Mütter und Großmütter die schrecklichen Folgen aus eigener Erfahrung kennen. Doch zum einen wird in den meisten Gesellschaften gar nicht offen über den weiblichen Körper und über Sexualität gesprochen, also auch nicht über die Folgen der Beschneidung. Zum anderen herrscht oft ein starker gesellschaftlicher Druck, diese "Tradition" weiterzuführen. Eine einzelne Mutter oder Familie, die sich dagegen wehrt, muss damit rechnen, von ihrer Dorfgemeinschaft oder ihrer Volksgruppe ausgeschlossen zu werden.

In vielen Ländern haben Frauen außerdem nicht die gleichen Rechte wie Männer und daher gar keine Möglichkeiten, bei kulturellen oder medizinischen Fragen mitzuentscheiden.

Dass die Beschneidung "notwendig" sei, wird auf unterschiedliche Weise begründet:

  • kulturell: "das ist nun mal Tradition bei uns", "meine Tochter findet sonst keinen Mann", "so kann ich die Jungfräulichkeit meiner Tochter bewahren", "wichtiges Ritual beim Übergang von der Kindheit zum Frausein"

  • gesundheitlich: "die Klitoris stört bei Geburten"

  • ästhetisch: "eine beschnittene Frau ist schöner"

  • religiös: "die Religion schreibt die Beschneidung der Frau vor"

  • mystisch: "die Ahnen bestrafen uns sonst"
Bangr Nooma, eine Partnerorganisation der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes in Burkina Faso, unterstützt ehemalige Beschneiderinnen dabei, einen neuen Beruf zu ergreifen, zum Beispiel als Schneiderin.
© Regine Bouédibéla
Bangr Nooma, eine Partnerorganisation der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes in Burkina Faso, unterstützt ehemalige Beschneiderinnen dabei, einen neuen Beruf zu ergreifen, zum Beispiel als Schneiderin.

Das tut Deutschland

Afrikanische Aktivistinnen und Aktivisten, Nichtregierungsorganisationen sowie internationale Organisationen kämpfen seit Jahren für die Beendigung der Genitalverstümmelung. Auch Deutschland setzt sich kompromisslos dafür ein und unterstützt entsprechende nationale und internationale Initiativen. Diese müssen allerdings sehr behutsam vorgehen, damit das Engagement nicht als kulturelle oder religiöse Bevormundung empfunden wird.

Eine enge Zusammenarbeit mit örtlichen Partnern ist daher besonders wichtig.

Erste Erfolge zeigen, dass sich der Einsatz lohnt: Zahlreiche afrikanische Staaten haben die weibliche Genitalverstümmelung inzwischen gesetzlich verboten.

Wege der Zusammenarbeit

Mädchen in einer Schule in Bangui (Zentralafrikanische Republik)
Mädchen in einer Schule in Bangui (Zentralafrikanische Republik)
© Thomas Koehler/photothek.net

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (​BMZ) geht verschiedene Wege, um über die Schädlichkeit dieser Praktik aufzuklären:

​Beratung von Regierungen bei der Erarbeitung von Gesetzen gegen weibliche Genitalverstümmelung

Dialog mit Persönlichkeiten, die eine besondere Stellung in der Gesellschaft und daher großen Einfluss haben, zum Beispiel religiöse Führer, Lehrkräfte und Ärzte

Unterstützung lokaler Partnerorganisationen; diese organisieren zum Beispiel Gesprächsrunden, die es Frauen und Männern erlauben, in einem geschützten Rahmen über Tabu-Themen wie Sexualität zu reden und sich mit Gesundheitsexperten über die Folgen weiblicher Genitalverstümmelung auszutauschen

Einbindung des Themas in Bildungsprojekte, Aufklärung über Genitalverstümmelung im Schulunterricht