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Parmin arbeitet als Näherin in einer Textilfabrik in Dhaka, Bangladesch. Modedesignerin Esther Perbandt aus Berlin hat sie getroffen.
© Florian Oellers für BMZ

Interview mit einer Näherin

Textilwirtschaft

Parmin arbeitet seit Jahren als Näherin in einer Textilfabrik in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Sie arbeitet 10 Stunden am Tag und bekommt dafür etwa 70 Euro im Monat. Ihre beiden Töchter Kia und Pia sind in ihrem Heimatdorf geblieben.

Parmin sieht sie nur zwei- oder dreimal im Jahr. "Das wenige Geld, das ich verdiene, gebe ich hauptsächlich für sie und ihre Schulbildung aus. Zum Sparen bleibt nichts übrig."

Wer näht unsere Kleidung?

Näher in einer Textilfabrik in Bangladesch
© Florian Oellers für BMZ
Näher in einer Textilfabrik in Bangladesch

Ein sehr großer Teil der Kleidungsstücke, die wir in Deutschland kaufen können, wird von Frauen wie Parmin hergestellt – zum Beispiel in China, Bangladesch, Indien und Tunesien. Auch in vielen anderen Entwicklungs- und Schwellenländern ist die Herstellung von Textilien ein wichtiger Bereich der Wirtschaft. Jedes einzelne Kleidungsstück wird in vielen Einzelschritten hergestellt. Bei einem T-Shirt läuft das ungefähr so ab:

Zuerst wird die Baumwolle angepflanzt, geerntet, entkörnt, gekämmt, gereinigt und dann zu Garn gesponnen. Daraus wird Stoff gewebt, der dann gebleicht, gefärbt oder bedruckt und anschließend zugeschnitten wird. Aus den zugeschnittenen Einzelteilen wird zum Schluss das T-Shirt genäht.

Weil die meisten Textilien in vielen Etappen hergestellt werden, sind daran fast immer Menschen und Firmen in verschiedenen Ländern beteiligt. Oft ist es dadurch schwierig, den genauen Weg nachzuvollziehen, den ein T-Shirt hinter sich hat, das bei uns im Laden hängt.

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Wie haben sich die Bedingungen in der Textilproduktion nach dem Einsturz eines Fabrikgebäudes in Rana Plaza im April 2013 verbessert?
© BMZ

Mit Modedesignerin Esther Perbandt in Bangladesch

Schwierige Arbeitsbedingungen

Die Arbeitsbedingungen entsprechen in vielen Produktionsländern der Textilindustrie noch nicht den international vereinbarten Umwelt- und Sozialstandards:

Bezahlung: Die Löhne in der Textilbranche sind häufig extrem niedrig. Das Geld reicht dann nicht für Miete, Essen, den Schulbesuch der Kinder und eine ärztliche Versorgung aus.

Arbeitszeiten: Die Konkurrenz unter den Textilherstellern ist groß und sie stehen dadurch unter Leistungsdruck. Um Liefertermine einhalten zu können, müssen die Näherinnen und Näher oft Überstunden machen. Sie arbeiten dann bis zu 16 Stunden am Tag.

Sicherheit: In Textilfabriken kommt es immer wieder zu schweren Unfällen, weil Sicherheitsvorgaben, etwa beim Bau oder beim Brandschutz, nicht eingehalten werden. Im April 2013 stürzte in Bangladesch das Fabrikgebäude Rana Plaza ein, mehr als 1.000 Menschen starben, etwa 2.500 wurden verletzt.

Gesundheit: Auf Baumwollplantagen und in der Textilproduktion werden häufig Chemikalien eingesetzt, die schwere Krankheiten auslösen können. Trotzdem gibt es für die Arbeitskräfte oft keine ausreichende Schutzkleidung.

Umwelt: Fließen giftige Chemikalien aus den Fabriken ungeklärt in Flüsse und andere Gewässer, gefährden sie die einheimische Bevölkerung. Beim Anbau von Baumwolle können Pestizide ins Grund- und Trinkwasser gelangen. Und die riesigen Monokulturen laugen die Böden aus.

"Nur wenn eine Näherin ihre Rechte kennt, kann sie sie einfordern"

Gewerkschaftsführerin Nazma Akter
Gewerkschaftsführerin Nazma Akter
© Florian Oellers für BMZ

Nazma Akter war als Kind Näherin in einer Fabrik, heute setzt sie sich mit ihrer Stiftung AWAJ für die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern ein. In Dhaka hat sie ein Frauen-Café eingerichtet. Hier treffen sich die Näherinnen nach der Arbeit. Sie reden über ihren Alltag und ihre Probleme und werden über ihre Rechte aufgeklärt – zum Beispiel über die korrekte Bezahlung von Überstunden und die Lohnfortzahlung während der Zeit, in der ihre Kinder geboren werden und ganz klein sind ("Mutterschutz"). Besonders beliebt bei den Frauen ist ein Quiz, bei dem sie testen können, wie gut sie ihre Rechte kennen.

"Ich bin grundsätzlich nicht gegen die Arbeit in den Fabriken, da dies die oft sehr armen Frauen im Allgemeinen stärkt. Allerdings kämpfe ich entschieden gegen ausbeuterische und gefährliche Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken", erklärt Nazma Akter.

Das tut Deutschland

Deutschland setzt sich weltweit für menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen und den Schutz der Umwelt ein. Deswegen hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) das Bündnis für nachhaltige Textilien ins Leben gerufen. Ihm gehören inzwischen rund 150 Unternehmen und Organisationen an. Sie setzen sich gemeinsam mit dem BMZ und vielen engagierten Gruppen für eine Verbesserung der Situation der Textilarbeiterinnen und -arbeiter ein.

Deutschland hilft dabei, dass Kinder zur Schule gehen und Jugendliche eine Ausbildung machen können und dass Erwachsene eine Arbeit finden. Dazu unterstützt das BMZ zum Beispiel Gemeinden in den Ländern, in denen viele Geflüchtete leben, beim Ausbau ihrer Infrastruktur, etwa beim Bau neuer Wasserleitungen, Schulen und Gesundheitszentren.

Vero trägt Selvie – wir tragen Verantwortung

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BMZ-Kampagne "Vero & Selvie"
© BMZ

Ein T-Shirt aus nachhaltig angebauter Bio-Baumwolle, frei von giftigen Chemikalien, genäht für einen gerechten Lohn und unter menschenwürdigen Arbeitsbedingungen? Geht das überhaupt?

Die Näherin Selvie hat seit 2016 einen festen Arbeitsvertrag in einer Textilfabrik in Indien, die Sozialstandards einhält. Anders als in vielen anderen Firmen üblich wird sie nicht stückweise bezahlt (also zum Beispiel pro genähtes T-Shirt), sondern hat ein festes monatliches Einkommen. Und zum ersten Mal in ihrer Berufslaufbahn hat sie einen Tag pro Woche frei. Für das BMZ haben Selvie und andere Näherinnen aus der Fabrik ein faires T-Shirt produziert.

Das BMZ setzt Trends und kämpft gegen Kinderarbeit in der Textilindustrie, für Umweltschutz in der Produktion und faire Arbeitsbedingungen für Näherinnen wie Selvie.

Mach mit, damit faire Mode zur Selbstverständlichkeit in unseren Kleiderschränken wird. Informier dich unter www.vero-selvie.de. Dort erfährst du auch, was die Modedesign-Studentin Vero aus Berlin mit Selvie verbindet.

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Manniac erklärt.
© BMZ

Wie erkennt man faire Mode?

Was kann ich tun?

Auch die Käufer von Kleidungsstücken können Verantwortung für die Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern übernehmen. Bewusste Kaufentscheidungen tragen dazu bei, dass sich die Situation dort verbessert.

Hier ein paar Tipps für den verantwortungsvollen Kleidungskauf:

Kauf deine Sachen – wenn es geht – in Läden, Versandhäusern oder über Internetportale, die sich auf ökologische und fair gehandelte Kleidung spezialisiert haben.

Achte auf Gütesiegel wie zum Beispiel das Fairtrade-Siegel oder die Label "GOTS" und "IVN Best".

Mach dich im Internet schlau, zum Beispiel unter www.siegelklarheit.de oder in der dazugehörigen App "Siegelklarheit". Sie bewerten die Glaubwürdigkeit von Umwelt- und Sozialsiegeln für Textilien.

Kauf dir weniger, dafür aber hochwertigere Kleidung.

Tausch mit deinen Freundinnen und Freunden die Sachen aus, die du nicht mehr brauchst, die aber noch gut sind und anderen vielleicht gefallen.

Durchsuche den Schrank deiner Eltern – oft findet man auch dort "coole Stücke", die sie nicht mehr tragen.

Kauf in Second-Hand-Shops oder auf Internetportalen für Gebrauchtkleidung, verkaufe deine abgelegte Kleidung weiter, falls sie noch gut ist.

Frag in den Läden, in denen du einkaufst, unter welchen Bedingungen die angebotene Ware hergestellt wird. Die Läden und Herstellerfirmen nehmen die Wünsche ihrer Kunden sehr ernst.

Es ist nicht schlimm, wenn es dir nicht gelingt, alle diese Tipps im Alltag zu berücksichtigen – vermutlich wird das kaum jemand schaffen. Aber auch wenn man sein Kaufverhalten nur in einzelnen Aspekten ändert, hilft man dabei, die Situation der Textilarbeiterinnen und Textilarbeiter in Entwicklungsländern schrittweise zu verbessern.